ACHTZEHNTER
BEHANDLUNGSTAG
Lapidius wachte auf, rieb sich die Augen und wusste nicht, wie lange er geschlafen hatte. Das Laboratorium lag im hellen Sonnenlicht. Schrieb man noch Donnerstag oder schon Freitag? Dann verriet ihm der Schatten des Experimentiertisches, dass es Morgen sein musste. Er hatte einen halben Nachmittag und eine ganze Nacht verträumt. Ob Marthe bereits auf war? Er lauschte, konnte sie aber nicht hören. Höchste Zeit, aufzustehen! Mit einem Satz sprang er aus dem Bett und eilte in die Küche. Gottlob, da saß sie, die gute Seele, und biss in ein Stück Brot, das sie in Honig getaucht hatte. »Du hättest mich gestern noch wecken müssen, Marthe!«
»Habich doch, Herr, am Abend wars, aber Ihr habt nur was gebrabbelt un gesacht, ich soll nich mitten inner Nacht stören, un da binnich wieder wech.«
»Wirklich?« Nur schwach kam Lapidius die Erinnerung. »Nun ja, ist dir heute besser zumute?«
»Ja, Herr, Gorm hatt sich nich wieder sehn lassen. Sollich Euch auch Brot holn? Hab auch nochn bisschen Eingemachtes unten inner Kühlgrube. Apfelgelee un so.«
»Nein! Äh … ein Stück Brot mit Honig wäre sehr schön.« Lapidius setzte sich. Er musste sich von dem Schrecken erholen, den Marthe ihm mit ihrem freundlichen Angebot eingejagt hatte. Es fehlte noch, dass die Magd das Kompassgehäuse mit dem Frauenkopf in der Kühlgrube entdeckte. Der Gedanke an den Schädel, der in den Tiefen seines Hauses noch immer einer anständigen Beerdigung harrte, erinnerte ihn nur allzu deutlich daran, dass er mit seinen Nachforschungen entscheidend weiterkommen musste.
»Is gut, Herr. Un ich kann auch noch Bier holn!« »Wie bitte? Ach so, ja.« Lapidius dachte an die Filii Satani. Sie waren die Täter. Es waren drei. Er kannte sie, da war er sicher. Das Problem war nur, dass vier, möglicherweise sogar noch mehr Männer in Frage kamen. Tauflieb, Fetzer, Krabiehl, Veith, vielleicht Nichterlein und Meckel, dazu Gorm, der sich selbst als Teufel bezeichnet hatte. Allerdings, das hatte Tauflieb gestern auch getan. Ich glaube, dass in jedem von uns ein Stück Teufel steckt, hatte er gesagt.
Marthe schnitt ein dickes Stück vom Brotlaib ab. »Un wassis nu mit Bier, Herr?«
»Äh … kein Bier. Danke.« Lapidius biss ins Brot, ohne den Honiggeschmack zu spüren. Er fand es bezeichnend, dass er mit allen seinen Überlegungen immer wieder bei Tauflieb landete. Was hatte der Mann gestern gesagt? Er wolle zum Büttel gehen und von ihrem Gespräch berichten. Lapidius rief sich das Wortgefecht noch einmal in Erinnerung und sprang plötzlich auf. Er hatte Tauflieb gesagt, dass dessen Bohrer genau in die Stirnlöcher der Toten passe, was bedeutete, dass er, Lapidius, den Kopf untersucht haben musste. Das wiederum setzte voraus, dass der Kopf in seinem Besitz war – eine Tatsache, die er dem Büttel gegenüber geleugnet hatte. Wenn Krabiehl das erst einmal wusste, hatte er ihn in der Hand. Eine erneute Durchsuchung seines Hauses drohte. Der Kopf würde gefunden werden und Freyj a in ihrer Kammer auch. Und nur Gott allein mochte wissen, was dann mit ihr passierte.
Was konnte er tun? Das Einzige, was ihm einfiel, war, Tauflieb zuvorzukommen. Er musste zum Büttel gehen und mit ihm reden. »Marthe, ich laufe rasch zum Gemswieser Markt.« Lapidius war schon auf der Diele und warf sich den Mantel über.
»Ich auch, Herr. Hamja nix zu beißen mehr. Ich mein, außer den Vorräten.«
»Gut, gehen wir zusammen.« Für einen Augenblick kam Lapidius in den Sinn, dass Freyja dann ganz allein im Haus war, aber Marthe würde sicher protestieren, wenn er sie jetzt bäte, zurückzubleiben.
Wenig später eilten sie gemeinsam die Böttgergasse hinunter, Marthe munter schwatzend, denn es schmeichelte ihr, mit einem so feinen Herrn gesehen zu werden, Lapidius hingegen schweigsam und in sich gekehrt. Als sie den Markt erreicht hatten, zeigte sich alsbald, dass Lapidius gut daran getan hatte, die Magd nicht im Haus zu lassen, denn schon wurden wieder einige der Händlerinnen dreist und riefen »Seht nur, der Hexenbuhler ist da!« und »Der Galan der Säckler, der Vornehmtuer!« und Ähnliches, und Marthe trat ihnen sofort entgegen und schrie: »Haltet euer Maul, verdammich, oder ich kauf nich mehr bei euch, un ich sorch dafür, dass alle annern Mägde auch nich bei euch kaufen, un dann könnter sehn, wo ihr bleibt!«
Zu Lapidius’ Erstaunen schwieg das Marktvolk für einen Augenblick verdutzt. Aufatmend sagte er: »Danke, Marthe, wir trennen uns hier. Ich muss zu Krabiehl, eine wichtige Sache besprechen. Kauf du nur in Ruhe ein. Solltest du vor mir fertig sein, geh schon nach Hause. Sag Freyja, ich schaue nach ihr, sowie ich zurück bin.«
»Ja, Herr, j a, aber mitm Büttel is nich gut Kirschen essen, der is tückisch, seht Euch vor.«
»Ja, ja, keine Sorge. Nun geh.« Lapidius löste sich von Marthe und strebte Krabiehls Dienstgebäude zu. Dort angelangt, musste er feststellen, dass der Büttel nicht anwesend war. Er setzte sich auf den einzigen Stuhl im Raum und wartete. Seine Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Nach über einer Stunde, er war schon drauf und dran zu gehen, erschien der Büttel endlich. Er pfiff fröhlich vor sich hin, hielt aber abrupt inne, als er Lapidius’ ansichtig wurde. Seine Miene verdüsterte sich. »Ihr seid der Letzte, den ich hier erwartet hätte«, sagte er statt einer höflichen Begrüßung.
Lapidius wahrte die Form. »Guten Tag, Krabiehl. Ich muss Euch dringlich sprechen.«
»Ihr sitzt auf meinem Stuhl. Ich darf Euch bitten, dort auf der Bank Platz zu nehmen.«
Lapidius unterdrückte seinen Ärger. Während er den Stuhl räumte, fragte er sich, wie er die Unterredung am besten beginnen sollte. Er hatte schon die ganze Zeit darüber gerätselt, war aber noch immer um eine Anwort verlegen. Sollte er mit der Tür ins Haus fallen und fragen, ob Tauflieb schon vorbeigeschaut hatte? Nein, das war ungeschickt. Auch machte es wenig Sinn, sich nach Krabiehls Erkenntnissen hinsichtlich der beiden Frauenmorde zu erkundigen. Der Büttel, der in der Sache sicher nichts unternommen hatte, würde nur verstockt reagieren. Schließlich, weil ihm nichts Besseres einfiel, fragte Lapidius: »Kommt Ihr direkt von zu Hause?«
»Ist es das, was Ihr so dringlich wissen wollt?«, gab Krabiehl zurück. Er ließ sich betont langsam auf seinem Stuhl nieder. Es war offenkundig, dass er die Situation genoss. »Nun, wenn es Euch beruhigt, will ich Euch antworten: Nein, natürlich nicht, es gehört zu meinen Pflichten, den Markt auf übles Gelichter zu überprüfen, und genau das habe ich heute Morgen als Erstes getan.«
»Aha, natürlich.« Lapidius fiel ein Findling vom Herzen. Aus Krabiehls Antwort ergab sich, dass Tauflieb sich noch nicht an den Büttel gewandt hatte. »Nun, um ehrlich zu sein, bin ich um anderer Fragen willen hier. Ihr wisst, dass ich die Freyja Säckler beherberge und dass ich mich für sie verwende.«
»Ja. Und?« Krabiehls Hochstimmung schien nachzulassen. Jedenfalls drückte sein Gesicht das aus.
»Mich würde interessieren, ob ihr Kräuterwagen mittlerweile aufgetaucht ist.«
»Nein, nicht dass ich wüsste.«
»Schade, das hatte ich schon befürchtet. Immerhin könnte das Gefährt Hinweise darauf liefern, wer die hier auf dem Markt gefundene Tote auf dem Gewissen hat.«
Krabiehl blies die Backen auf. »Als ob Ihr das nicht genau wüsstet. Die Hexe Säckler wars, wer sonst.«
Lapidius überhörte die Herausforderung. »Ihr Wagen wurde nicht zufällig zum Abtransport des toten Walter Koechlin benutzt? Ich frage das nur, weil die Leute sagen, er wäre ebenfalls nicht eines natürlichen Todes gestorben.«
Der Büttel riss die Augen auf, gab sich dann aber betont gleichgültig. »Wer sagt das?« »Man hört so allerlei. Ich glaube j a auch, dass er dem Suff erlag, aber so mancher behauptet, Koechlin habe niemals einen Tropfen angerührt. Bleibt die Frage, woran er wirklich gestorben ist. Habt Ihr in Eurer Eigenschaft als Stadtbüttel nicht Ermittlungen aufgenommen?«
»Ich habe meine Pflicht getan.«
»Dann habt Ihr sicher auch Richter Meckel in den Fall einbezogen?«
»Selbstverständlich. Der Herr Richter ist sehr zufrieden mit mir. «
»Natürlich.« Lapidius musste an den Morgen nach dem Sturm auf sein Haus denken, als Meckel ihn zu sich zitiert und mit drohendem Unterton gesagt hatte, Freyja Säckler sei spurlos verschwunden, und er, Lapidius, trage dafür die Verantwortung. Wie wütend hatte der Richter dreingeblickt, als er erfuhr, dass die Nachricht seines Informanten, der niemand anders als Krabiehl gewesen war, nicht stimmte! Dies betrachtet, konnte Meckel mit dem Büttel unmöglich zufrieden sein.
Vielleicht aber war er es doch? Dann nämlich, wenn, aus welchem Grund auch immer, Meckel daran gelegen war, dass der Tod des Walter Koechlin nicht an die große Glocke gehängt wurde. Vielleicht, damit seine Zeugin Auguste Koechlin nicht in Schwierigkeiten geriet und weiter gegen Freyja aussagen konnte? Herrgott im Himmel, was war das nur für ein Sumpf, dem er überall begegnete! Lapidius war bemüht, sich nichts anmerken zu lassen. »Sicher habt Ihr die Witwe Koechlin befragt?«
»Nein, habe ich nicht.«
Das war eine faustdicke Lüge, schließlich hatte der Büttel eine Liebschaft mit der Koechlin und traf sie wahrscheinlich jeden Tag. Zumindest gesprochen haben musste er mit ihr. »Aha, nun j a. Es geht mich j a auch nichts an. Ich stelle fest, der Kräuterwagen der Säckler hat sich jedenfalls noch nicht angefunden.«
»Richtig.«
»Wessen Karren wurde dann benutzt?«
»Walter Koechlins Leiche wurde auf dem Wagen des Apothekers Veith fortgebracht. Er war so freundlich, ihn zur Verfügung zu stellen.«
»Der Apotheker Veith?«
»Genau der.«
»Das ist, äh … zu loben.« Lapidius war aus dem Konzept gebracht. Veith! Der Pharmazeut, der ein so seltsames Gebaren an den Tag gelegt hatte, der abends und nachts nicht daheim weilte, der Aphrodisiaka für die Reichen Kirchrodes herstellte, der in der Lage war, Rauschtränke unter Zuhilfenahme von Bilsenkraut zu brauen – ausgerechnet der hatte einer der Zeuginnen seinen Wagen geliehen. War das Zufall? Oder steckte mehr dahinter?
Lapidius fing sich wieder und spann seinen Gesprächsfaden fort. »Als ehrenwerter Bürger der Stadt interessiert mich natürlich, wer die Hexenmorde in Wahrheit auf dem Gewissen hat. Nach meiner These ist der Schlossermeister Tauflieb besonders verdächtig. Er und sein Hilfsmann Gorm. Sowie der von Euch eben genannte Apotheker Veith.«
»Aha.« Krabiehl wurde einsilbig.
»Noch verdächtiger sind für mich allerdings die Witwen Koechlin und Drusweiler. Man hat sie vorgeschickt, um die Säckler zu verleumden und zu vernichten. Hinter ihnen stehen die wahren Mörder. Ich spreche absichtlich in der Mehrzahl, denn es sind drei, die gemeuchelt haben. Drei Männer. Ich bin sicher, die Koechlin und die Drusweiler und alle, die mit ihnen in Verbindung stehen, werden ihrer gerechten Strafe nicht entgehen.«
Der Büttel schwieg, obwohl Lapidius’ letzte Worte einer Drohung gleichkamen.
»Nun, das wars, Krabiehl, ich wünsche Euch noch einen guten Tag.« Lapidius stand auf und verließ den Dienstraum. Er war einigermaßen beruhigt. Tauflieb mochte nun kommen und brühwarm über das gestrige Gespräch berichten, er würde nicht viel erreichen. Krabiehl würde sich genau überlegen, ob er etwas unternahm, denn er wusste jetzt: Wenn er Lapidius in Schwierigkeiten brachte, würde er selbst auch welche bekommen.
Und das nicht zu knapp. Freyja lag in der Hitzkammer und spürte, dass sich etwas verändert hatte. Die Geräusche waren anders. Leiser. Entfernter. Für eine Weile lauschte sie angestrengt, dann wusste sie es: Marthes Küchenlaute fehlten, das Klappern der Töpfe, das Scheppern der Pfannen, das Brodeln von kochendem Wasser. Ebenso Lapidius’ Schritte im Laboratorium, dazu die Stimmen der beiden, immer dann, wenn sie ein Wort miteinander wechselten.
Marthe hatte gestern Abend noch einmal nach ihr gesehen, und Freyja war enttäuscht gewesen, dass es nicht Lapidius war. Er hatte ihr durch den Sprechschacht versprochen, zu kommen. Doch sie hatte vergebens gewartet.
Nun war sie ganz allein im Haus. Angst kroch in ihr hoch. Sie dachte an den Tag des Überfalls, als johlender Pöbel durch die Stockwerke gerannt war, als man sie Hexe gescholten hatte, als man ihrer habhaft werden und sie stechen wollte, als sie sich nur mit letzter Kraft ins Gebälk hatte retten können. Das würde sie nun nicht mehr schaffen. Sie war schwach und hilflos wie ein Neugeborenes.
Sie hasste es, Angst zu haben. Gegen das Gefühl ankämpfend, sagte sie sich, dass es ihr etwas besser ging. Marthe hatte ihr die allerletzten Tropfen aus dem braunen Fläschchen gegeben, und es waren nicht nur zehn, sondern siebzehn gewesen. Sie hatte genau mitgezählt. Die wunderbaren Tropfen. Laudanum war ihr Name. Diesmal hielt ihre Wirkung besonders lange an.
Warum war Lapidius gestern Abend nicht gekommen? Er hatte es doch versprochen? Lapidius. Er gab sich so viel Mühe, ihre Unschuld zu beweisen. Tagtäglich war er deswegen unterwegs, und sie ahnte: Nicht nur das eine Mal, als sein Haus gestürmt wurde, hatte er sich in Lebensgefahr befunden. Warum tat er das alles für sie? Gut, er hatte ihr die Erklärung gegeben, er selbst habe sich einst in ähnlicher Lage befunden und einem Mann namens Conradus Magnus versprochen, er wolle die barmherzige Pflege, die ihm widerfahren war, an einem anderen Menschen wieder gutmachen. Aber das erklärte noch lange nicht, warum er sich so sehr dafür einsetzte, sie vom Vorwurf der Hexerei reinzuwaschen. Was er wohl herausgefunden hatte? Ab und zu machte er eine Andeutung, aber Genaues sagte er ihr nie. Wahrscheinlich wollte er sie nicht unnötig ängstigen. Wie ritterlich von ihm! Dabei hätte er ihr alles sagen können; sie hätte seine Sorgen und Nöte mit ihm geteilt. Gerne sogar. Schließlich waren es auch ihre Sorgen und Nöte, und Unbill ertrug sich gemeinsam viel leichter.
Freyjas Angst hatte etwas nachgelassen. Nur noch zwei Tage musste sie aushalten, dann waren die zwanzig voll. Dann durfte sie die Hitzkammer verlassen. Ein zwiespältiges Gefühl beschlich sie, wenn sie daran dachte. Unzählige Male hatte sie ihr Gefängnis verflucht, hatte die Dunkelheit gehasst, die Einsamkeit, die Enge, und doch hatte die Abseite ihr so etwas wie Geborgenheit geschenkt – Schutz gegen den Richter Meckel, den Büttel, die Zeuginnen, gegen alle, die ihr Böses wollten. Was würde sie da draußen erwarten?
Lapidius. Er war so vornehm. Und er hatte sie geküsst. Sie hatte es im ersten Augenblick kaum wahrgenommen, zu miserabel war es ihr gegangen, später aber war es ihr bewusst geworden. Und sie hatte sich in Grund und Boden geschämt. Wegen ihres übel riechenden Speichels, wegen ihrer fehlenden Haare und Zähne, wegen ihrer schrecklichen Hässlichkeit. Trotzdem hatte er sie geküsst. Er hatte sogar gesagt: Du gehörst zu mir. Das war natürlich nicht ernst gemeint. Sie, eine Kräuterhökerin, und er, ein vornehmer Mann! Lächerlich. Und trotzdem, der Gedanke war nicht unangenehm …
Was war das? Stimmen? Gepolter? Freyja wollte sich aufrichten, war aber zu schwach dafür. So hielt sie nur das Ohr an den Sprechschacht. Was sie hörte, war Marthes Stimme, die laut, fast kreischend zu ihr heraufdrang:
»Sie redet nix, gar nix redet sie, ich sachs doch, so schlecht gehts ihr, un nu lass mich in Ruh!«
Mit wem sprach Marthe da? Freyj a spitzte noch mehr die Ohren. Mit Lapidius? Nein, das konnte nicht sein.
»Lass mich … du …« Marthes Stimme entfernte sich. »Du sollst … lassen, sonst …« Freyja konnte nicht mehr alles hören.
» … nein, verdammich, nein! …«
Dann kamen nur noch einzelne Schimpfwörter bei ihr an. »Hundsfott … Halunke! Au, au, au …«
Stille.
»Marthe?« Freyja rief so laut sie konnte in den Schacht. Aber es war nicht viel mehr als ein Flüstern, das ihr gelang. »Marthe?«
Die Magd gab keine Antwort. Mit wem hatte sie gesprochen? Wen hatte sie so übel beschimpft? Freyja wusste es nicht. Nur eines war klar: Lapidius konnte es nicht gewesen sein. Marthe hatte zwar ein lockeres Maul, aber in diesem Ton würde sie niemals mit ihrem Herrn reden.
Die Magd war fort, das wurde für Freyja zur Gewissheit. Und der, mit dem sie gezankt hatte, auch. Oder war es eine Frau gewesen? Traute Schott vielleicht, über die sie manchmal sprach? Freyja wusste es nicht. Irgendjemand war es gewesen, das stand fest. Und sie war wieder allein.
Die Angst meldete sich abermals. Und diesmal ließ sie nicht von Freyj a ab, obwohl sie immer wieder das eine Wort ausstieß:
»Lapidius! Lapidius! Lapidius!«
Lapidius legte die letzten Schritte zu seinem Haus zurück. Er freute sich auf ein kräftiges Mahl. Was die Magd wohl vom Markt geholt hatte? Sie musste längst in ihrer Küche sein und etwas Leckeres brutzeln. Er öffnete das schwere Schloss und stieß die Tür auf. »Marthe, ich bins!«
Nachdem er seinen Mantel über den Haken gestülpt hatte, schnupperte er erwartungsfroh, doch kein köstlicher Duft stieg ihm in die Nase. »Marthe?«
Er betrat die Küche und sah den gefüllten Einkaufskorb auf dem Tisch stehen. Sie war also vor ihm nach Haus gekommen. Schön. Aber wo war sie? Er machte sich auf die Suche. In ihrer Kammer war sie nicht. Ebenso wenig in den Wirtschaftsräumen. Auch nicht auf dem Hof und auf dem stillen Ort. Wo war sie nur? »Marthe! Martheee!«
»Lapidius.«
Der Ruf klang schwach an sein Ohr. Er war durch den Sprechschacht gekommen. Freyja! Wenigstens sie war da. Er trat an sein Bett und beugte sich über die Öffnung des Sprechschachts. »Freyj a, ich bin zurück. Weißt du, wo Marthe ist?«
»Nein, ich … nein.« Ihre Antwort war schwach und kaum verständlich.
»Nun gut, sie wird schon wieder auftauchen. Ich muss mich erst einmal um den Athanor kümmern. Danach komme ich zu dir hinauf.«
Er ging zu seinem roten Ziegelofen und überprüfte die Glut. Sie war schwach und kam nur noch einem Glimmen gleich. Das Feuer durfte nicht verlöschen! Er brauchte sofort das trockene Kleinholz, das neben den gewöhnlichen Scheiten hinter dem Haus lagerte. Er eilte hinaus und bemerkte dabei, dass die Hoftür sperrangelweit offen stand. Hatte er bei seiner Suche nach Marthe vergessen, sie zu schließen? Seltsam … Ihm fehlte die Muße, darüber nachzudenken. Der Athanor ging vor.
Kurz darauf führte er die tausendfach geübten Handgriffe der Feuerbewahrung aus, eine Tätigkeit, die ihn stets beruhigte. Doch heute wollte die innere Zufriedenheit sich nicht einstellen. Der Gedanke an Marthe ließ ihn nicht los. Und an die Filii Satani. Sie bedrohten Freyja, weil diese sie leibhaftig in der Sabbathöhle gesehen hatte. Und weil das so war, wurde er als ihr Beschützer ebenfalls bedroht. Und Marthe. Obwohl die Magd überhaupt nichts wissen konnte.
Aber wussten das auch die Filii Satani?
Der Athanor brannte wieder gut. Von Marthe war nach wie vor nichts zu sehen. Lapidius beschloss, sich nicht verrückt machen zu lassen. Vielleicht war die Magd nur zu ihrer Mutter gegangen. Erst einmal würde er sich um Freyj a kümmern. Während er die Treppe emporstieg, durchforschte er seine Taschen nach dem Schlüssel. Wo war er nur? Lapidius dachte scharf nach und kam zu dem Schluss, dass die Magd ihn zuletzt gehabt hatte. Gestern Abend, als sie zu Freyj a hinaufgegangen war. Es blieb nur zu hoffen, dass sie den Schlüssel jetzt nicht bei sich trug. In banger Erwartung eilte Lapidius zurück und nahm in der Küche den Stein aus der Wand. Gott sei Dank! Da lag das gute Stück. Er griff sich den Schlüssel und eilte, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, zu Freyja empor. »Da bin ich. Eigentlich wollte ich gestern Abend noch zu dir kommen, aber ich habe es einfach verschlafen.«
»Ja«, sagte Freyja. Sie war froh, dass Lapidius endlich da war. Niemals würde sie ihm sagen, wie sehr sie auf ihn gewartet hatte.
»Hast du denn gar nichts gehört? Ich meine, die Magd muss sich doch bei dir gemeldet haben, als sie vom Markt zurück war?«
»Hab nichts gehört. Nur später, da wurds laut. Da hat Marthe immer gerufen, so was wie ›Sie redet nix‹ und ›Lass mich‹.« Das Sprechen strengte Freyja sehr an.
»Heißt das, j emand anderes war noch im Haus?«
»Ja.«
Lapidius schoss der Schreck in die Glieder. Die Hoftür! Sie hatte also doch schon offen gestanden, als er kam. Ein Unbekannter hatte sie gewaltsam geöffnet und war ins Haus eingedrungen. Ein Mann? Eine Frau? »Hast du gehört, mit wem Marthe sprach? Konntest du die Stimme erkennen?«
»Nein.«
»War es vielleicht Gorm?«
»Weiß nicht.«
»Nun, nun …« Lapidius versuchte, Ruhe auszustrahlen. »Vielleicht gibt es für alles eine ganz normale Erklärung.« »Mir ist heiß.«
»Ich habe das Feuer im Athanor wieder angefacht. Warte …« Er nestelte nach dem Schlüssel und öffnete die Türklappe, damit kühle Luft an Freyjas Körper gelangen konnte. Er tat es mit schlechtem Gewissen, denn die Vorschriften der Syphiliskur mussten bis zum letzten Tag auf das Genaueste eingehalten werden, andererseits waren die zwanzig Behandlungstage fast um, und überdies dauerte sie ihn.
»Danke.« Freyja schöpfte ein paar Mal tief Luft. Lapidius versuchte, an Freyjas Körper vorbeizublicken, doch es gelang ihm nicht. Er sah, dass ihre Schultern, ihre Arme, ihre Brüste nicht mehr genügend Schmiere trugen, ein Zustand, der so nicht hinzunehmen war. Zwar konnte er es verantworten, die Hitze in der Kammer vorübergehend abzuschwächen, eine mangelnde Quecksilberschicht dagegen durfte nicht sein. »Das Unguentum muss erneuert werden, ich werde Marthe …«, sagte er und brach unvermittelt ab. Die Magd war ja nicht da. Dennoch musste für die Einreibung gesorgt werden. Was sollte er tun?
»Mach du es doch.«
»Ich?« Im Leben hätte er nicht daran gedacht. So etwas war nicht schicklich, ganz und gar nicht schicklich. Allerdings, es musste sein. »Ich … ich …«
»Stört dich, dass ich so hässlich bin?«
»Überhaupt nicht, überhaupt nicht! Äh … ich meine, natürlich bist du nicht hässlich, ich wollte nur sagen, also, wenn es dir nichts ausmacht …«
»Nein.«
»Ja. Gut. Dann hole ich die Salbe.« Lapidius war froh, der Situation entfliehen zu können. Er hastete die Treppe hinunter, verschloss als Erstes die Hoftür wieder, indem er die schwere Gesteinskiste davor schob, griff sich dann die Salbe, einen Lappen und einen Eimer Wasser und stieg schwer beladen nach oben.
Als er bei Freyja wieder anlangte, war er seiner Verlegenheit einigermaßen Herr geworden. Er sah, dass sie sich mit dem Oberkörper schon zur Hälfte aus der Hitzkammer geschoben hatte. Nun verhielt sie, völlig ausgepumpt und entkräftet. Lapidius stellte die Sachen ab. »Ich fasse dir von hinten unter die Schultern und ziehe dich ganz heraus.«
Freyja atmete heftig und flach, bis ihr Puls sich wieder beruhigt hatte. »Marthe hats auch so gemacht.«
»Fein.«
»Und mich auf die Truhe gesetzt.«
»So. Ja.« Er zog sie unendlich vorsichtig aus ihrer Höhle und verhielt vor dem Möbel. »Ich hebe dich jetzt hoch.« »Ich … kann aber nicht mehr sitzen.« »Dann lege ich dich einfach hin. Rücklings. Es wird schon gehen.« In der Tat fiel es ihm nicht schwer, sie auf die Truhe zu betten, denn sie hatte während der Behandlung gehörig abgenommen. Helles Licht fiel durch das Fenster; er sah überdeutlich ihre Brüste, den flachen Bauch, den Schoß und versuchte, sie nur als Arzt zu betrachten. Es gelang nicht.
Er griff zu Lappen und Eimer und wischte die Reste der letzten Einschmierung fort. Als er sie umgedreht und die Reinigung auch auf dem Rücken vollzogen hatte, bat er sie, in dieser Lage zu bleiben, denn er hatte ihre wunden Liegestellen bemerkt. Er holte das Kalkpulver, weil er nichts anderes mehr besaß, und tupfte es auf. Dann begann er mit der neuen Schicht. Er verteilte sie und hob seine Patientin vorsichtig in eine sitzende Position.
Freyja suchte Halt an ihm. »Ich … ich kipp um.«
»Das tust du nicht.« Er saß jetzt rittlings neben ihr, umfasste ihre Schulter mit der Linken und strich mit der Rechten das Unguentum auf ihre Halspartie. Dann wanderte seine Hand nach unten, wobei er ihren Busen umging.
»Du hast was vergessen.«
»Ich weiß, ich wollte nicht …« Die verdammte Verlegenheit! Warum war er nicht in der Lage, sie einfach einzureiben! Es ging schließlich nur darum, Salbe auf ein Stück Haut zu bringen. Er fasste sich ein Herz und massierte die Schmiere in ihre Brüste ein. Zögernd erst, dann immer sicherer werdend.
»Du machst es gut.«
»Ja.« Seine Stimme klang heiser, während er behutsam weiterrieb und dabei spürte, wie ihre Brustspitzen sich erhärteten. Er selbst fühlte ebenfalls Erregung. Um sich abzulenken, sagte er: »Ich weiß mittlerweile, dass die Augen, die Hände und die Stimme dich damals in eine Höhle lockten. Ich war dort und habe das Gesicht aus Stein entdeckt und auch die Zähne, an die du dich zu erinnern glaubst. Es sind Stalaktiten, Tropfsteinzapfen, die von der Gesteinsdecke herabhängen.«
Freyj a wandte sich ihm zu. Ihre Augen schienen plötzlich in weite Ferne zu blicken. »Eine Höhle? … Ja«, sagte sie. »Ja.«
Lapidius fragte sich, ob es richtig gewesen war, sie in ihrem Zustand an die schrecklichen Geschehnisse zu erinnern, aber da sie sonst keinerlei Regung zeigte, fuhr er fort: »Sie heißt Sabbathöhle.«
»Ja«, sagte Freyja abermals.
»Sie liegt hoch oben im Otternberg.« Lapidius nahm neue Salbe aus dem Topf und begann den Bauchbereich einzureiben. »Es gibt in ihr einen großen Dom, eine Art Halle mit mehreren Abzweigungen, dorthin könnte man dich gebracht haben.«
»Ich … ich erinnere mich.« Freyja hatte plötzlich ein Bild vor Augen. Die Lücken, die ihr Gedächtnis bislang aufgewiesen hatte, schlossen sich. »Es war … es war schön, zuerst. Aber dann, dann …«
Lapidius’ Hand hielt inne. »Ja? Was dann?«
»Ich weiß nicht. Die Erinnerung ist wieder weg.«
Lapidius hätte aufschreien mögen vor Enttäuschung. Aber er beherrschte sich. Seine Hand arbeitete weiter. »Du sagtest doch, du hättest ein verschwimmendes Rot gesehen, könnten das Masken gewesen sein – Teufelsmasken?«
Freyja hatte die Augen geschlossen. Nun begann sie zu zittern.
»Teufelsmasken?«, wiederholte Lapidius eindringlich. »Das verschwimmende Rot – waren das Teufelsmasken?«
»Ja«, hauchte Freyja. »Ja, ja, jetzt sehe ich sie wieder. Die Masken singen, ich höre sie singen … ein Gebet … Feuer brennt, es flackert …«
Lapidius’ Herz hämmerte wie wild. »Weiter, weiter! Erzähle weiter! «
Freyja schwieg. Um ihre Mundwinkel zuckte es. Sie öffnete die Augen. »Nichts. Es ist aus. Ich seh nichts mehr.«
»Das kann doch nicht sein! Eben war die Erinnerung doch noch da, versuche, dich zu konzentrieren.« Er war so aufgeregt, dass er sie schüttelte.
»Du tust mir weh.« »Entschuldige. Es fällt mir nur so schwer, zu begreifen, dass dein Gedächtnis plötzlich wieder fort ist.«
Tränen traten ihr in die Augen.
»Um Gottes willen, weine doch nicht! Ich konnte mir nur nicht erklären, warum du auf einmal … ich … ich.« Ihm fiel nichts anderes ein, als sie in beide Arme zu nehmen. »Ich meinte es doch nicht so … ich meinte es doch nicht so … ich meinte es doch nicht so«, sagte er immer wieder, während er sie wie ein Kind hin und her wiegte und sich fragte, wie er ihrer Erinnerung auf die Sprünge helfen könnte. Das Eisen musste geschmiedet werden, solange es noch heiß war. Wenn er sie doch nur so beeinflussen könnte, wie es die Augen, die Hände und die Stimme seinerzeit vermocht hatten. Halt! Konnte er das nicht auch versuchen? Freyj a hatte erzählt, dass die Stimme freundlich geklungen hatte, die Augen starr gewesen seien und voller Kraft …
Lapidius wiegte Freyj a weiter und bemühte sich, seine Stimme fest und freundlich klingen zu lassen. »Wir sind zusammen in der Sabbathöhle, hoch oben im Otternberg, du und ich, ich bin bei dir, und du hast keine Angst. In der Höhle sind wir, du und ich, und du hast keine Angst. Sieh mir in die Augen, ja, so ist es gut. Du und ich, wir sind zusammen in der Sabbathöhle, und du hast keine Angst …«
Er merkte, dass er unwillkürlich seine Sätze wiederholte, empfand das als beruhigend für sie und sich selbst und sprach immerfort so weiter: »Wir sind in der Höhle, Freyja, du und ich, und du hast keine Angst. Siehst du die Höhle? Siehst du den Dom? Du bist in der Höhle, in der großen Halle, und du hast keine Angst. Es ist angenehm warm, denn das Feuer brennt. Du liegst am Feuer, es ist angenehm warm, und du hast keine Angst. Ich bin bei dir. Die Teufelsmasken machen dir auch keine Angst. Ich bin ja bei dir. Die Teufelsmasken haben Hörner und kantige Kiefer und große Augenlöcher, und einer der Teufel nimmt die Maske ab. Er nimmt die Maske ab, und du kannst ihn sehen. Du kannst sein Gesicht sehen, und du hast keine Angst. Ich bin j a bei dir. Du kannst das Gesicht des Teufels sehen, und du hast keine Angst. Wie sieht das Gesicht aus?« Freyj a schien in seinen Armen zu schlafen. Er unterbrach für einen Augenblick die Wiegebewegung. »Wie sieht das Gesicht aus, sag es, du siehst es doch?«
Freyja blinzelte. »Ja?«
»Wie sieht das Gesicht aus, Freyja?«
»Ich … ich weiß nicht.«
»Nun, das macht nichts. Achte nur auf meine Augen und meine Stimme.« Er versuchte es erneut, sprach die ganze Litanei von vorn, hoffte, den Bann, dem sie offenkundig noch immer ausgesetzt war, durch eine Art Gegenbann aufzulösen und an die Tiefen ihres Gedächtnisses zu kommen – allein, es wollte nicht gelingen.
Er wiegte sie weiter. Es wäre auch zu einfach gewesen, sagte er sich, wenn Freyja mir jetzt eine Beschreibung von Tauflieb geliefert hätte. Oder von einem der beiden anderen Teufel. Von Fetzer. Oder von Krabiehl, Veith, Meckel, Nichterlein. Oder von Gorm.
Während Lapidius sich die Namen vor Augen führte, wurde ihm einmal mehr bewusst, dass er zu viele Verdächtige hatte. Nur drei von ihnen konnten Filii Satani sein. Nichterlein kam bei näherer Betrachtung nicht in Frage. Er war zwar streitlustig, aber wohl nur einer von mehreren harmlosen Ziegenbockbesitzern. Meckel war Richter und Stadtrat und stand damit ständig im Blickpunkt der Öffentlichkeit; sollte er ein Sohn des Teufels sein, wäre das schon lange ruchbar geworden. Gleiches galt für die Stadträte und den Bürgermeister. Dennoch durfte angenommen werden, dass Meckel in die Mordfälle verwickelt war. Alle anderen, und das waren immerhin noch Krabiehl, Veith, Fetzer und Gorm, kamen als Teufel in Betracht.
Es war zum Verzweifeln. Es ging und ging nicht voran! Der Bohrer unter der Platte seines Experimentiertisches hatte ihn zwar auf Taufliebs Spur gebracht, ihm aber letztlich auch nicht weitergeholfen. Wie heftig der Schlosser jegliche Schuld abgestritten hatte! Fast konnte man glauben, er habe wirklich nichts mit den Morden zu tun.
Gab es denn noch andere Möglichkeiten, derart große Löcher in die Stirn eines Menschen zu schneiden? Lapidius grübelte und wiegte Freyja weiter, hin und her, hin und her … und merkte gar nicht, wie er seine Tätigkeit j ählings unterbrach. Er hatte eine Antwort auf alle seine Fragen gesehen, eine Lösung, die so überraschend war, dass er stocksteif dasaß. Und je länger er sich mit dieser Lösung beschäftigte, desto wahrscheinlicher kam sie ihm vor. Wie einfach sie war! Wochenlang hatte er in zahllose Richtungen gedacht, hatte sich das Hirn zermartert, hatte den unbedeutendsten Dingen Bedeutung beigemessen, und nun schien plötzlich alles klar.
Das Dumme war nur, dass er die Richtigkeit seiner Lösung heute nicht mehr überprüfen konnte. Um letzte Gewissheit zu erhalten, brauchte er den Schädel und viel Licht, und draußen am Himmel braute sich gerade etwas zusammen. Er musste sich gedulden. Aber gleich morgen früh wollte er den Kopf hervorholen und ihn – hoffentlich zum letzten Mal – untersuchen. Wenn nur das Licht ausreichte! Die letzten Tage waren so schön gewesen. Warum mussten ausgerechnet j etzt wieder Regenwolken aufziehen!
Es war so wichtig, das Rätsel um die Teufel aufzuklären. Lebenswichtig für Freyja. Wenn seine Lösung stimmte, würde sie mit Sicherheit von aller Schuld freigesprochen werden. Egal, wie die Stellungnahme der hohen Goslarer Juristenherren ausfiel. Sie würde frei sein. Und Marthe würde ebenfalls wieder auftauchen, davon war er überzeugt.
Freyja bewegte sich in seinen Armen. »Was … ist?«
»Nichts, nichts.« Er wollte ihr nicht sagen, wie nah er sich seinem Ziel glaubte, denn noch konnte sich alles als Luftblase erweisen. »Ich lege dich jetzt in die Hitzkammer zurück.«
»Kann ich nicht bei dir bleiben?«
Wie gern hätte er jetzt ja gesagt. Aber die vorgeschriebene Behandlungszeit musste eisern eingehalten werden. »Nein, es geht nicht. Du weißt es selbst. Aber es ist ja nicht mehr für lange. So, ich schiebe dich zurück in die Kammer, j a, so …« Sich aufrichtend, fuhr er fort: »Ich pudere dir nachher die Geschwüre um den Mund ein. Erst muss ich noch einmal hinunter, mir die Hände waschen, den Athanor versorgen und das Haus sichern.«
Geraume Zeit später war er wieder da, einen Weidenrindentrank, Kalkpulver und das Öllämpchen mit sich führend. Freyja blickte ihm mit großen Augen entgegen. Erleichtert sah er, dass kein Schmerz darin stand. Der Rest des Laudanums wirkte lange. Aber er wusste, dass die unsägliche Pein sich noch vor Beendigung der Kur zurückmelden würde. Er wollte nicht, dass sie in den letzten Tagen noch litt, und flößte ihr vorsorgend den Trank ein. Dann puderte er behutsam ihre Lippen.
»Danke.«
»Du konntest vorhin nicht bei mir bleiben, deshalb machen wir es umgekehrt: Ich werde heute Nacht bei dir bleiben.«
»Wie?«
»Warts ab.« Er ging wieder hinunter, rumorte in seinem Laboratorium und trug dann ächzend seinen schweren Lieblingsstuhl die Treppe empor. Ihn vor der Türklappe absetzend, schnaufte er: »Das ist unter anderem mein Schlafstuhl. Es schlummert sich recht bequem darin, wenn man erst einmal die richtige Lage gefunden hat.«
»Gute Nacht«, flüsterte sie, und die Art, wie sie es sagte, brachte ihn schon wieder in Verlegenheit.
»Gute Nacht.« Er sperrte die Türklappe zu, setzte sich und streckte die langen Beine aus. »Versuche jetzt zu schlafen. Das Öllämpchen lasse ich brennen.«
»Ja.«
Müde schloss er die Augen.
In der morgigen Nacht würde sich alles entscheiden.